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Vom Transport schwerer Lasten über Arbeiten mit Sägen und anderen Maschinen bis hin zu Lärm: In einem Sägewerk gibt es unzählige Gefahrenquellen. Wie kann es dennoch zu einem möglichst sicheren Ort gemacht werden? Und warum ist dabei die Unternehmenskultur besonders wichtig? Das zeigen die Verantwortlichen und die gesamte Belegschaft bei Mercer Timber Products. Sie sind mit dem Programm „Road to Zero“ auf dem besten Weg, die Anzahl an Arbeitsunfällen auf ein Minimum zu reduzieren. Dafür war das Werk für den Deutschen Arbeitsschutzpreis 2025 in der Kategorie „Kulturell“ nominiert.
Mit etwa 440 Beschäftigten gehört Mercer Timber Products – eine Tochterfirma des kanadischen Unternehmens Mercer International Inc. – zu den größten Sägewerken Deutschlands. In dem Betrieb im thüringischen Saalburg-Ebersdorf steht die Sicherheit der Mitarbeitenden an erster Stelle, erklärt Dr. Carsten Merforth: „Wir verfolgen die drei Ziele Produktionsquantität, Produktionsqualität und Arbeitsschutz. Diese sind gleichwertig, aber wenn es darauf ankommt, geht der Arbeitsschutz vor.“ Der frühere Geschäftsführer und heutige Chief Operating Officer (COO) Wood Products erinnert sich: „Als ich hier 2017 angefangen habe, gab es zum Beispiel ein Wegenetz mit Lkw und Radladern, die zwischen Fußgängerinnen und Fußgängern sowie Personen auf Fahrrädern tonnenschwere Lasten transportierten.“ Um den Arbeitsschutz Schritt für Schritt zu verbessern, konnten sich die Verantwortlichen aber an dem Programm „Road to Zero“ des kanadischen Mutterunternehmens orientieren, das an die Bedingungen in Saalburg-Ebersdorf angepasst wurde.
Eine Folge war die Entwicklung und Umsetzung eines komplett neuen Wegekonzepts. „Wir haben alle Wege, die für Mitarbeitende sicher sind, identifiziert. Und dort, wo es keine sicheren Wege gab, haben wir sie gebaut“, so Dr. Merforth. Dabei wurden zum Beispiel Treppen, ein Steg entlang einer Halle und Schutzwände errichtet. Mario Rüttger, der das Werk als Aufsichtsperson der BGHM betreut, erläutert: „Heute gibt es bei Mercer Timber Products ein Fahrradverbot und Fußgängerinnen sowie Fußgänger sind konsequent von Radladern und anderen Gefahren getrennt.“ Doch die Wegetrennung war nur ein Schritt neben anderen: Es wurden auch neue Hallen gebaut, hochmoderne Maschinen angeschafft und zusätzliche Sicherheitsausstattung installiert. Zudem wurden eine eigene, voll ausgerüstete Feuerwehrtruppe aufgebaut und ein Krisenmanagement etabliert.
„Investitionen in technische Maßnahmen sind vergleichsweise schnell umgesetzt. Wir wissen aber: Die meisten Arbeitsunfälle gehen auf menschliches Verhalten zurück. Deshalb ist uns eine Unternehmenskultur wichtig, in der Beschäftigte und Arbeitgeber den Arbeitsschutz gemeinsam leben“, erläutert Pierre Pieplow. Er ist bereits seit 1995 in dem Werk tätig, war Schichtleiter sowie Produktionsleiter und ist seit 2018 Sicherheitsmanager und Projektleiter von „Road to Zero“.
Um ihr Ziel zu erreichen, initiierten die Verantwortlichen bei Mercer Timber Products 2017 einen Kulturwandel. Auch diesen bauten sie auf dem Programm „Road to Zero“ auf. Pieplow erklärt: „‚Road to Zero‘ steht auf drei Säulen. Wir brauchen erstens eine Führung, die unsere Vision, Werte und Strategien allen Mitarbeitenden authentisch vermittelt. Wir benötigen zweitens eine Organisation, in der sämtliche Investitionen und Maßnahmen unter den Gesichtspunkten des Arbeitsschutzes durchgeführt werden. Und drittens brauchen wir Prozesse mit einem großen Gewicht auf offener Kommunikation und klaren Abläufen.“
Dabei zeigen schon kleine Maßnahmen eine nachhaltige Wirkung. So folgen alle Beschäftigten den „Goldenen Regeln der Arbeitssicherheit“, wie zum Beispiel: „Ich nehme nie bewusst Sicherheitseinrichtungen außer Betrieb oder verändere diese ohne Genehmigung.“ Oder: „Ich weise niemals Mitarbeitende an, Arbeiten auf unsichere Weise durchzuführen.“ Darüber hinaus reden Führungskräfte mit ihren Mitarbeitenden in sogenannten Toolbox-Talks, das heißt wöchentlichen Sicherheitsgesprächen, über Arbeitsschutzthemen und absolvieren einmal pro Monat einen Safety- Walk, eine Sicherheitsbegehung. Alle Beschäftigten müssen vor Arbeiten, die nicht zu ihrer Routine gehören, auf einem kleinen Abreißblock eine Last- Minute-Risk-Analysis durchführen, also einen Risikocheck direkt vor Ausführung der Arbeiten. Kreuzen sie dabei bei mindestens einer der Sicherheitsfragen „Nein“ an, beginnen sie erst gar nicht mit der Tätigkeit, sondern kontaktieren ihre Vorgesetzte oder ihren Vorgesetzten.
Außerdem wurde in dem Werk ein System etabliert, das es allen Beschäftigten ermöglicht, unsichere Zustände per Mail, über eine App oder über ein Papierformular zu melden. „Das Angebot wird sehr gut angenommen. Ein Klassiker sind Situationen, in denen Mitarbeitende zum Beispiel auf Maschinen klettern oder über Anlagen steigen müssen und dafür sichere Trittflächen und Festhaltemöglichkeiten benötigen“, sagt Pieplow. „Wir gehen den Meldungen zügig nach, um die Sicherheit im Werk weiter zu erhöhen, aber auch, um den Beschäftigten zu zeigen, dass sich ihr Engagement lohnt.“ Zudem gibt es bei Mercer Timber Products ein Gesundheitsmanagement, das die Möglichkeit bietet, unter anderem an Firmenläufen, Body-Check-ups, wöchentlichen Inhouse-Gesundheitskursen, einer Ernährungsberatung oder einem Programm zur Rauchentwöhnung teilzunehmen.
Das zentrale Element des Kulturwandels sehen die Verantwortlichen in der Führung der Mitarbeitenden, berichtet Dr. Merforth. „Der Arbeitsschutz liegt in den Händen aller Beschäftigten, vor allem aber bei den Führungskräften. Uns ist daher besonders wichtig, dass sie ein sehr gutes Verständnis für die Wichtigkeit unserer Maßnahmen haben und Mitarbeitende mit guten Argumenten überzeugen können.“ Aus diesem Grund sind beim Arbeitsschutz vom Aufsichtsrat des Mutterunternehmens mit einem eigenen Sicherheitsgremium bis zu den Beschäftigten vor Ort alle Hierarchieebenen eingebunden. In Saalburg-Ebersdorf tagt wöchentlich ein Sicherheitslenkungsausschuss mit Vertreterinnen und Vertretern aller Bereiche des Werks, die gemeinsam Vorschläge, Probleme sowie mögliche Lösungen diskutieren und die Umsetzung anstoßen. „Hier erweisen sich Führungsverantwortung und die entsprechende Kommunikation immer wieder aufs Neue als das A und O“, so Dr. Merforth. „Denn es ist klar: Lösungen, die für alle sinnvoll sind, können wir nur zusammen finden. Und die Beschäftigten verinnerlichen sie nur, wenn die Führungskräfte sie gut vermitteln und auch vorleben.“
Wie erfolgreich der kulturelle Wandel bei Mercer Timber Products verläuft, zeigt unter anderem die 1.000-Mann-Quote, also die Anzahl an Arbeitsunfällen pro 1.000 Mitarbeitende. Diese lag im Werk zuletzt bei weniger als einem Viertel des Branchendurchschnitts. Und das bleibt nicht unbemerkt: 2025 wurde Mercer Timber Products für den Deutschen Arbeitsschutzpreis in der Kategorie „Kulturell“ nominiert – als Vorbild in Sachen Prävention. „Angesichts der zahlreichen Maßnahmen, die hier erfolgreich ineinandergreifen, und der Tatsache, dass die Beschäftigten im Mittelpunkt der Sicherheitskultur stehen, ist die Nominierung mehr als verdient“, sagt Mario Rüttger. Dr. Merforth ergänzt: „Wir freuen uns natürlich sehr. Aber am Ende des Tages geht es uns weniger um Preise als um etwas ganz Einfaches – nämlich, dass unsere Beschäftigten wieder gesund nach Hause gehen können. Das ist unsere Motivation und der Kern unserer Unternehmenskultur.“
BGHM
Ausgabe 1/2026