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Schwere Arbeits- und Wegeunfälle können lebensverändernde Folgen haben – auch beruflich. Die Betroffenen müssen lernen, mit den unter Umständen bleibenden Einschränkungen zurechtzukommen, und sich in einigen Fällen auch beruflich neu orientieren. Die BGHM unterstützt ihre Versicherten dabei, im Job wieder Fuß zu fassen – im besten Fall beim bisherigen Arbeitgeber. Die Geschichte von Adrian Wandelt zeigt, wie das gelingen kann.
Eine 500 Kilogramm schwere Sammlerleitung mit Bogenrohren zu verschrauben – das war die Aufgabe von Adrian Wandelt an diesem Tag. Sogenannte Rohrbogen dienen ihm dabei als Verbindungsstücke. „Ich war gerade dabei, die Rohrbogen an den Leitungen zu befestigen“, sagt der heute 29-Jährige. Die Sammlerleitung lag in diesem Moment ungesichert auf einer Arbeitsplatte vor ihm. Plötzlich bekam sie Übergewicht und rutschte von der Platte auf ihn zu. „Und dann lag ich auf dem Boden und die schwere Leitung auf mir drauf.“ Es war der 20. Januar 2022 – der Tag seines Arbeitsunfalls und der Start eines langen Weges zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Wandelt ist zum damaligen Zeitpunkt bereits seit sechs Jahren als Schlossergeselle bei der HAW Linings GmbH, einem Hersteller von industriellem Korrosionsschutz im niedersächsischen Bockenem, beschäftigt. Seine Lehre hat er ebenfalls dort absolviert und auch sein Vater arbeitet bei HAW.
Umstehende Kollegen reagieren im Moment des Unfalls sofort: Sie heben die Leitung mit einem Kran von dem Verletzten herunter und alarmieren den Notarzt. Adrians Vater, der zu dem Zeitpunkt in einem anderen Bereich der Produktionshalle unterwegs ist, erhält einen Anruf. „Adrians Vorgesetzter war dran und sagte, mein Sohn habe gerade einen Unfall gehabt. Es wäre aber nicht so schlimm“, sagt Andreas Wandelt heute. „Na ja, das Letzte hat er wohl gesagt, damit ich nicht in Panik gerate. War auch richtig so.“ Denn die Verletzungen sind tatsächlich gravierend. Adrian Wandelt erleidet ein schweres Polytrauma des Beckens unter anderem mit mehreren arteriellen Blutungen sowie eine Lähmung des linken Fußhebermuskels und mehrere Frakturen in der linken Hand.
Per Hubschrauber wird Wandelt ins Krankenhaus nach Hannover geflogen. Es folgen mehrere Monate Krankenhausaufenthalt, erst in Hannover, dann im BG-Klinikum Hamburg. Aufgrund der Schwere seiner Verletzungen und einer Infektion wird Wandelt einige Tage lang ins künstliche Koma versetzt. Erst im Mai, fast vier Monate nach dem Unfall, ist er so weit stabil, dass mit der Planung der weiteren Rehabilitation begonnen werden kann. Mit einem Ziel fest vor Augen: „Schon kurz nach dem Unfall wusste ich, dass ich irgendwann wieder zurück in den Betrieb will“, sagt er.
Da es sich bei seinem Unfall um einen Arbeitsunfall handelt, kann er auf die Unterstützung der BGHM bauen. Von Mai 2022 an ist Katja Meineke, die Reha-Managerin der BGHM, persönlich an seiner Seite, nachdem sie zuvor bereits mit dem Vater im Kontakt gestanden hatte. Sehr ruhig und wenig gesprächig sei Adrian Wandelt beim ersten Termin gewesen, erinnert sie sich, außerdem auch körperlich noch stark eingeschränkt. Fortbewegen konnte er sich zum damaligen Zeitpunkt nur mit dem Elektro-Rollstuhl.
Meineke bespricht mit Vater und Sohn die nächsten Schritte. Welche Therapien und Hilfsmittel sind nötig? Welche Operationen müssen noch folgen? Ein erster, für die Familie wichtiger Erfolg: Die Entlassung aus dem Krankenhaus. „Ich wollte einfach nach Hause“, sagt Wandelt. Nach einem Wochenende auf Probe in der häuslichen Umgebung folgt schließlich die endgültige Entlassung und damit der Beginn der ambulanten Rehamaßnahmen und Therapien. „Das Thema Mobilität stand dabei zunächst ganz klar im Vordergrund“, sagt Meineke. Wieder laufen können, möglichst schnell.
Dann folgt die nächste Herausforderung: Wie kann Wandelt in der mehrfach gebrochenen Hand wieder Kraft aufbauen? Regelmäßig besucht Wandelt die Handsprechstunde, die die BGHM in Zusammenarbeit mit einer Klinik in Hannover anbietet. Dort werden bei jedem Termin verschiedene Parameter erfasst, um die Leistungsfähigkeit der Hand zu beurteilen. In einer Ergotherapie trainiert er die Hand. „Jedes Mal, wenn Herr Wandelt in die Sprechstunde kam, haben die Ärztin und ich über seine Fortschritte gestaunt“, sagt Reha-Managerin Meineke. Im August 2022 beginnt Wandelt mit einer Arbeitstherapie und übt dort erste arbeitsähnliche Tätigkeiten.
„In der Rehaphase ging es bergauf, es wurde stetig alles besser“, sagt Wandelt. Und Katja Meineke erzählt: „Seine Familie hat ihn in der ganzen Zeit tatkräftig unterstützt. Das war sicher eine große Hilfe im Heilungsprozess.“ Wesentlich beigetragen habe auch, dass der Arbeitgeber bereits kurz nach dem Unfall signalisiert habe, Adrian Wandelt könne in die Firma zurückkehren, so Meineke. „Es gab zu dem Zeitpunkt noch keine konkreten Pläne, aber die klare Aussage seitens des Unternehmens: ‚Wir finden was für dich.‘“
Doch wie kann die Rückkehr in den Beruf gelingen? Wie viele Wochenstunden sind denkbar? Wie viel Kraft hat Wandelt für seine Arbeit? Um das herauszufinden, durchläuft er im Juni 2023 eine sogenannte arbeitstherapeutische Leistungsanalyse. Da bereits abzusehen ist, dass die Wiederaufnahme der Tätigkeit als Schlosser nicht möglich sein würde, erfolgt die Analyse arbeitsmarktbezogen: Allgemeine Belastungen durch Arbeit, zum Beispiel heben und tragen, werden in sogenannten Aktivtests simuliert und die Arbeitsfähigkeit wird anhand bestimmter Kriterien eingeschätzt. Zwei Tage dauerte das Testverfahren. Mit einem positiven Ergebnis: Wandelt kann trotz der Unfallfolgen leichte Arbeiten vollschichtig, also im Umfang einer Vollzeitbeschäftigung, ausführen. So kann er zum Beispiel Lasten bis zu 10 Kilogramm tragen, nicht aber auf Leitern steigen oder kniend beziehungsweise in der Hocke arbeiten. Anhand dieser Ergebnisse gilt es, eine passende Tätigkeit bei HAW Linings zu finden.
Dafür setzt sich auch Stefan Linne ein, kaufmännischer Leiter im Unternehmen und zuständig für das Personalwesen. „Es war uns von Anfang an wichtig, Adrian diese Perspektive zu geben. Wir fühlten uns verantwortlich für ihn.“ Linne kennt die Familie gut, einer seiner Söhne ist mit Wandelt zur Schule gegangen, er selbst hat ihn als Schlosser- Azubi eingestellt. Linne bleibt während des Krankenhausaufenthalts und der anschließenden Rehaphase im ständigen Kontakt mit Vater Andreas Wandelt. Letzterer entwickelt gemeinsam mit Kollegen schließlich die zündende Idee: Als Kesselwärter würde Adrian sich gut einbringen können. Weil das noch keine Vollzeitstelle füllen würde, könne er zusätzlich als Elektrohilfskraft arbeiten. Die Kosten für den Lehrgang „Dampf- und Heizkesselwärter“ und für die Weiterbildung zur Elektrofachkraft hat die BGHM übernommen und beides hat Wandelt erfolgreich absolviert, ebenso eine mehrwöchige Wiedereingliederungsphase. Während dieser Zeit erhielt er Verletztengeld von der BGHM.
Seit mehr als zwei Jahren arbeitetWandelt wieder in Vollzeit bei HAW Linings, kontrolliert die Kessel, unterstützt bei der Prüfung von Elektrogeräten und bringt sich zusätzlich als Werkzeugmacher ein. „Mit den Qualifikationen, die er jetzt hat, ist er zukunftssicher aufgestellt. Es wird im Unternehmen immer einen Platz für ihn geben“, sagt Linne. Eine Erfolgsgeschichte, auch für Katja Meineke: „Adrian hat sein Leben zurück und ist damit glücklich und zufrieden.“ Ein solches Ergebnis einer Rehabilitation sei Gold wert, auch wenn Wandelt nach wie vor Einschränkungen und auch mal schlechte Tage habe. Deshalb gehen auch die Therapien weiter, vor allem, damit Adrian Wandelt seine wiedererlangten körperlichen Fähigkeiten erhalten kann. Er bekommt zudem von der BGHM nach wie vor eine Verletztenrente – als Entschädigung für die bleibenden Unfallfolgen.
Die berufliche Rehabilitation ist geglückt, und auch privat knüpft Wandelt wieder an sein Leben vor dem Unfall an. Zum Beispiel ist er wieder bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv. Dafür hat ihm die BGHM Spezialschuhe anfertigen lassen. Und Wandelt hat noch weitere Pläne. Bereits vor seinem Unfall hat er ein Haus gleich neben dem seiner Eltern gekauft. Er renoviert es seither gemeinsam mit Vater, Mutter und seiner Schwester überwiegend in Eigenleistung – auch hier kann er nach seinem Unfall endlich wieder anpacken. „Ich bleibe dran“, sagt er zuversichtlich. Der Optimismus dürfte begründet sein – er hat schließlich schon ganz andere Hürden genommen.
Lisa Bergmann, BGHM
Ausgabe 1/2026