Schwerpunktthema: Lärm am Arbeitsplatz

Dauerthema mit viel Dezibel

Cover BGHM-Magazin Ausgabe 01-2026 Lärm am Arbeitsplatz
© miriam-doerr/gettyimages.de

Lärm macht krank – und das seit Generationen. Lärmschwerhörigkeit ist noch immer eine der am häufigsten anerkannten Berufskrankheiten. Da der Gesundheitsschaden meist lange nicht bemerkt wird, kommt Prävention oft zu spät. Mit der Kampagne „Laut ist out!“ setzt die BGHM ein klares Zeichen: für weniger Lärm und mehr Gesundheit vom Anfang des Berufslebens an – ob in der Werkstatt, im Büro oder in der Produktionshalle.

Im Dezember 1974 setzte die damalige Unfallverhütungsvorschrift (UVV) „Lärm“ Maßstäbe, indem sie erstmals Schallschutzvorgaben für Betriebe machte. Sie gelten zum Teil bis heute. Noch älter als die UVV ist die Berufskrankheit „Lärmschwerhörigkeit“, die bereits seit dem 01. Januar 1929 anerkannt werden kann. Das Thema Lärm begleitet Arbeitsschutzverantwortliche also schon lange und ein Ende ist nicht in Sicht. Die BGHM hat sich deshalb mit der Kampagne „Laut ist out!“ das Ziel gesetzt, Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte der Branchen Holz und Metall bei der Prävention von Gehörschäden im betrieblichen Alltag zu unterstützen und die Beschäftigten für die Gesundheitsgefahren durch Arbeitslärm zu sensibilisieren. Die Kampagne thematisiert sowohl die physischen als auch die psychischen Belastungen durch Lärm an den verschiedenen Arbeitsplätzen in den Arbeitsbereichen von Holz- und Metallbetrieben.

Psychische Gesundheit: Lärm stresst

Das Ohr und damit aufs engste verknüpft das Gehirn sind immer „auf Empfang“. Letzteres bewertet akustische Signale hinsichtlich ihrer Bedeutung für die hörende Person. Besonders wenn das Gehirn zu dem Ergebnis kommt, dass „etwas nicht stimmt“ oder gefährlich werden könnte, schüttet der Körper die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Das wiederum führt zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks: eine Stressreaktion. Unser Körper befindet sich im Fluchtbeziehungsweise Kampfmodus. Diese Bewertung von Signalen hat nichts mit dem Schalldruckpegel, also der Lautstärke der akustischen Signale, zu tun, sondern mit dem Informationsgehalt. Eine solche körperliche Reaktion kann beispielsweise einsetzen, wenn Gesprächsfetzen an das Ohr und damit das Gehirn kommen. Diese werden automatisch analysiert, auch dann, wenn im Hintergrund nur ein leises Gespräch stattfindet, das mit der hörenden Person gar nichts zu tun hat. Die Konzentration auf die eigene Arbeit fällt schwer. Die Geräuschkulisse wird bewusst oder unbewusst zur Belastung. Diese Wirkung, die nicht das Ohr oder das Gehör betrifft, wird als „extra-aurale Lärmwirkung“ beschrieben.

Von extra-auralem Lärm sind nicht nur Bürobeschäftigte betroffen, sondern auch Mitarbeitende in der Werkstatt und in der Industriehalle. Doch gerade dort richtet sich die Aufmerksamkeit beim Arbeitsschutz meist allein auf das Gehör, sodass die extra-auralen Lärmwirkungen bei Schutzmaßnahmen häufig keine Rolle spielen. Sie werden im Bereich des Arbeitsschutzes oft immer noch unterschätzt, obwohl sie sich auf die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten auswirken können. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zumindest ein Teil der psychischen Erkrankungen auf extra-auralen Lärm zurückzuführen ist. Angesichts des Anstiegs an psychischen Erkrankungen und der durchschnittlich langen Ausfallzeiten der Beschäftigten ist zu vermuten, dass im Bereich der Lärmminderung nicht nur beim Schutz des Gehörs großes Potenzial für Betriebe steckt: Lärmminderung schützt die Gesundheit der Beschäftigten auf physischer und psychischer Ebene und kann den Krankenstand positiv beeinflussen, was zu geringeren Kosten für den Betrieb führt.

Physische Gesundheit: Gehörschädigender Lärm

Der Mythos, an Lärm könne man sich gewöhnen und deswegen machten laute Geräusche irgendwann nichts mehr aus, hält sich hartnäckig. Dabei ist die Fähigkeit des Körpers, Lärm zu kompensieren, schon rein biologisch begrenzt: Vereinfacht ausgedrückt ist unser Blutkreislauf in der Lage, unser Innenohr bei einem Schallpegel von 85 dB(A) für bis zu 8 Stunden am Stück mit Nährstoffen und Sauerstoff zu versorgen. Andernfalls wird mehr Energie verbraucht als zugeführt – Nervenzellen werden mangelversorgt und können absterben. Ob das Gehör bereits beeinträchtigt ist, lässt sich allerdings erst feststellen, wenn es zu spät ist. Tritt bei einem Gehörtest im Audiogramm eine sogenannte C5-Senke bei 4000 Hertz, also ein deutliches Absinken der Hörkurve, auf, ist bereits ein starker und irreversibler Schaden eingetreten, der vom Betroffenen aber möglicherweise noch nicht wahrgenommen worden ist. Bis sich erste Probleme in der Kommunikation bemerkbar machen, kann bereits ein Hörverlust von 40 bis 50 dB eingetreten sein.

Zum lärmbedingten kommt noch der altersbedingte Hörverlust hinzu. Letzterer ohne Präventionsmöglichkeit und mit fortschreitender Tendenz. Bei Männern zum Beispiel beginnt das Gehör ab etwa 35 Lebensjahren altersbedingt nachzulassen. Das kann dazu führen, dass bereits im mittleren Alter ein Hörgerät notwendig wird.

Möglichkeiten der Lärmminderung

Technische Maßnahmen sind in der Regel die effektivste Art der Lärmminderung. Mit einer guten Kapselung etwa von Maschinen kann Lärm um bis zu 30 dB(A) reduziert werden. Sind Räume mit schallschluckenden Elementen so ausgestattet, dass eine gute Raumakustik vorherrscht, können bis zu 6 dB(A) Schallminderung erreicht werden. Wirtschaftlich sinnvoller sind Lärmschutzmaßnahmen in der Regel, wenn sie schon bei der Anschaffung neuer Maschinen und Anlagen oder der Planung von Arbeitsstätten mitgedacht werden. So lassen sich unter Umständen Zeit und Kosten sparen, die sonst durch eventuell notwendige Umbauten oder Nachrüstungen entstehen.

Peter Hammelbacher und Peter Kafarnik, BGHM

Kampagne „Laut ist out!“

Um die Beschäftigten für die Gefahren von Lärm zu sensibilisieren, sind regelmäßige Unterweisungen sinnvoll. Hierfür stehen im Rahmen der Kampagne „Laut ist out!“ verschiedene Angebote zur Verfügung: ein Online-Auftritt mit vielen weiteren Fakten zum Thema, eine Präventionsbox mit zahlreichen Informations- und Motivationsmaterialien sowie Filme, Flyer und Moderationshilfen, die jederzeit heruntergeladen werden können.

Gut zu wissen: Barrierefreiheit

Eine gute Raumakustik ist auch dann wichtig, wenn es um Sprachverständlichkeit geht. Speziell Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache oder mit Hörschädigung sowie besonders reizoffene Menschen haben jeweils eigene Anforderungen an die akustische Umgebung und den Schutz vor extra-auralen Lärmeinflüssen. Denn bei lauten Hintergrundgeräuschen verstehen sie Gesprochenes schlechter. Deshalb sind die Vorgaben zur akustischen Barrierefreiheit nach DIN 18040 „Barrierefreies Bauen“ beziehungsweise der DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen“ in die gesetzlich verankerte Barrierefreiheit eingeflossen.

Gut zu wissen: Seminarangebot

Die BGHM bietet verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Lärmminderung an. Das Online-Seminar „Lärm“ ist eine Einführung in die Grundlagen. Weitergehende Kenntnisse werden im dreitägigen Präsenzseminar „Lärm“ vermittelt, in dem es um spezifische Lärmgefährdungen und Maßnahmen zur Lärmminderung geht. Speziell für Fachkräfte für Arbeitssicherheit konzipiert ist das Seminar „Lärmmessungen für Fachkräfte für Arbeitssicherheit“.

Kommentar des Autors

Egal ob Aus- und Fortbildungsstätte, Büro oder Werkhalle: Lärm begegnet Beschäftigten überall. Ich finde ja, fast 100 Jahre Berufskrankheit „Lärmschwerhörigkeit“ sind genug. Lassen Sie es uns gemeinsam leiser in den Betrieben machen! Es gibt für nahezu jedes (lärm-) technische Problem Lösungen. Die BGHM unterstützt Sie gerne!

Ausgabe 1/2026