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In der Tischler-Schreiner-Branche ist die Unfallquote fast doppelt so hoch wie im BGHM-Durchschnitt: 60 Arbeitsunfälle werden pro Jahr bezogen auf 1.000 Mitarbeitende in Tischlereien und Schreinereien gemeldet. Die Unfallquote über alle BGHM-Branchen liegt bei 32.
Eine Analyse der Unfälle, die sich in Tischlereien und Schreinereien ereignet haben, zeigt eindeutige Unfallschwerpunkte auf. Mit den passenden Maßnahmen könnten die Unfallzahlen drastisch reduziert werden.
Im Tischler- und Schreinerhandwerk werden unterschiedlichste Materialien verwendet, um Möbel, Treppen und Bauteile wie Fenster und Türen herzustellen – von Massivholz über Holzwerkstoffe bis zu Glas und Kunststoffen. Oberflächen werden mit Beschichtungsstoffen wie Lacken oder Ölen veredelt. Das Spektrum der verwendeten Arbeitsmittel reicht vom händisch geführten Stechbeitel und Handhobel über Handmaschinen und stationäre Maschinen bis zu komplexen CNC-Maschinen und Industrierobotern.
Oft ist von den Beschäftigten im Holzhandwerk ein hoher körperlicher Einsatz gefordert, zum Beispiel beim Transport von Platten oder der Montage von schweren Bauelementen wie Fenstern und Türen. Um Unfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren vorzubeugen, sind Unternehmer und Unternehmerinnen vom Gesetzgeber aufgefordert, für jede Tätigkeit eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen, festgestellte Gefährdungen zu beseitigen und Beschäftigte in einer sicheren Arbeitsweise zu unterweisen.
Viele stellen sich dabei die Frage: Wo soll ich bloß anfangen und auf welche Gefahren muss ich besonders achten? Um Unfallschwerpunkte zu erkennen und abzubauen, hat das Sachgebiet „Holzbe- und -verarbeitung“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) die 2.917 meldepflichtigen Unfälle des Jahres 2019 der Branche Tischlerei/ Schreinerei ausgewertet (Tabelle 1) und kategorisiert (Tabelle 2).
Tabelle 1: Unfälle nach Bereichen in Tischlereien/Schreinereien, ausgewertet anhand der 2.917 gemeldeten Arbeitsunfälle im Jahr 2019
Tabelle 2: Unfallursachen nach Kategorien sortiert
Um einen meldepflichtigen Arbeitsunfall handelt es sich, wenn mehr als drei Tage Arbeitsunfähigkeit die Folge sind. Die schwersten Verletzungen mit den höchsten durchschnittlichen Unfallkosten und Ausfalltagen entstehen regelmäßig bei Unfällen an stationären Holzbearbeitungsmaschinen. Werden die Unfallursachen nach Kategorien sortiert (konkrete Tätigkeit beziehungsweise konkretes Werkzeug oder konkrete Maschine, mit der sich der Unfall ereignet hat, Tabelle 2), zeigt sich folgendes Bild: Die stationären Holzbearbeitungsmaschinen sind mit den Tisch- und Formatkreissägen und den Tischfräsen bei den vier Unfallursachen vertreten, die in Betrieben der Branche Tischlerei/Schreinerei am häufigsten Unfälle auslösten und die schwersten Folgen hatten. Das höchste Unfallgeschehen war beim Materialhandling sowohl auf Baustellen als auch im Betrieb zu verzeichnen. 615 meldepflichtige Arbeitsunfälle ereigneten sich dabei.
Umstürzende Holzwerkstoffplatten waren die häufigste Unfallursache im Betrieb (65 teilweise sehr schwere Arbeitsunfälle) und auf Baustellen. 28 Unfälle ereigneten sich beim Transport unzureichend gesicherter Fenster und Türen. In 24 Fällen kam es beim Be- oder Entladen zum Sturz von der Lkw-Ladefläche. Bei Transport und Handling von Glasscheiben ereigneten sich 48 Unfälle mit teilweise schweren Schnittverletzungen. So unterschiedlich die Unfallursachen, so vielseitig sind hier die Schutzmaßnahmen. Diese reichen von der sicheren Lagerung von Holzwerkstoffplatten über Ladungssicherung und ergonomische Hilfsmittel beim Transport von beispielsweise Türen und Fenstern bis hin zu Hilfsmitteln beim Beoder Entladen.
Unfälle an der Kreissäge ereignen sich überwiegend beim Schneiden von schmalen Werkstücken mit Breiten unter 120 Millimetern, beim Entfernen von Abfallstücken mit der Hand sowie durch unsichere Werkstückführung und einen daraus folgenden Rückschlag des Werkstücks. In 92 Fällen war die nicht abgesenkte Schutzhaube mit unfallursächlich. Diese Zahlen zeigen: Wenn schmale Leisten sicher geschnitten und Schutzhauben konsequent abgesenkt würden, könnten circa 67 Prozent der Arbeitsunfälle und 80 Prozent der Kosten vermieden werden, die durch Unfälle an Tischund Formatkreissägen entstehen.
Basics für das sichere Arbeiten an Tisch- und Formatkreissägen:
Bei der Verwendung von Winkelschleifern ereigneten sich 68 Arbeitsunfälle mit überdurchschnittlich hohen Kosten, überwiegend auf Baustellen. Ursache bei 18 dieser Unfälle und damit am zweithäufigsten war ein Kontrollverlust, weil die Trennscheibe blockierte, zum Beispiel beim Durchtrennen von Metallbolzen beim Ausbau von Fenstern und Türen. Unfälle können vermieden werden, wenn Winkelschleifer sicher mit beiden Händen geführt und Werkstücke vor der Bearbeitung fest eingespannt werden. Bei häufigem Ausbau von alten Fenstern sollten absaugbare Spezialmaschinen beschafft werden.
An der Tischfräse ereigneten sich 64 der gemeldeten Arbeitsunfälle, 28 davon beim Fräsen am Anschlag und 16 bei der Bearbeitung eines schmalen Werkstücks. Die häufigsten Unfallursachen an der Tischfräsmaschine sind demnach eine fehlende Werkzeugverdeckung, unsichere Werkstückführung und fehlende Rückschlagsicherungen sowie falsche Handhaltung. Über 90 Prozent der Ausfallzeiten und Unfallkosten könnten vermieden werden, wenn Werkstücke sicher geführt und somit Werkstückrückschläge verhindert werden würden und wenn Fräswerkzeuge gegen Berühren gesichert werden würden.
Basics für das sichere Arbeiten an Tischfräsmaschinen:
Gert Feihle, BGHM
Die BGHM unterstützt mit Beratung vor Ort im Betrieb sowie mit Medien bei allen Fragen, die die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz betreffen. Speziell für Tischlereien und Schreinereien bietet sie:
Eine Auswertung der 50 schwersten Arbeitsunfälle aus der hier betrachteten Analyse ergab Ausfallzeiten von durchschnittlich 315 Tagen. Dazu kommen bei vielen Arbeitsunfällen bleibende Körperschäden sowie eingeschränkte Kraft und Beweglichkeit, die mitunter einen Berufswechsel erforderlich machen. Neben dem Schutz der Beschäftigten ist es daher durchaus auch wirtschaftlich, mit Prävention die Zahl der Arbeitsunfälle zu reduzieren.
Ausgabe 4/2023